Kunsttherapie

„Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden,

kann man Schönes bauen.“

Johann Wolfgang von Goethe

“Erschaffend konnte ich genesen.
Erschaffend wurde ich gesund.”
Heinrich Heine

Malen als Hilfe zur Selbsthilfe

Über die Malerei oder andere kreative Prozesse findet der Mensch zu sich selbst. Er erkennt den Ursprung seines Seins – das kreative Potenzial, aus dem sich die Schöpfung und damit das Leben herausgebildet hat und weiterhin nährt. Das Blatt ist die Leinwand. Jeder, der malt oder zeichnet, projiziert sich selbst unmaskiert aufs Papier. Deshalb gibt es auch kein Richtig und kein Falsch. Als Projektionsfläche für das Innere ist das Bild auch gleichzeitig eine Verlängerung des Ichs, wodurch ein vollständigeres Selbstbild beim Betrachten erkannt wird. Wenn über die Kreativität wieder der Zugang zu sich selbst hergestellt werden kann, ist auch Selbstbegleitung und Selbstregulierung wieder möglich. Besonders trauernde und traumatisierte Menschen können über das bildnerische Gestalten in ihre eigene Kraft und Selbstkompetenz finden, um mit dem Erlebten, dem Sinnverlust und den offenen Fragen des Lebens besser umgehen zu können. 

Kunsttherapie arbeitet mit dem Potenzial in uns und eröffnet Wege für neue Möglichkeiten, die vielleicht bisher noch nicht in Betracht gezogen werden konnten. Damit ist Kreativität eine der wichtigsten Ressourcen, die wir haben. Wer auf seine Schöpferkraft zurück greift, ist ganz bei sich. Wir sind alle Schöpfer. Alles, was wir brauchen, um zu überleben, ist bereits in uns angelegt – jede Antwort, und auch jede Lösung. Nur fehlt uns oft der Zugriff. Unsere Potenziale schlummern so lange ungenutzt vor sich hin, bis wir sie wirklich benötigen und deshalb aus ihrem Dornröschenschlaf erwecken. Besonders Krisensituationen tragen dazu bei, dass wir sie aktivieren und geistig und seelisch daran wachsen. Psychische Leiden lösen oft Kreativitätschübe aus, da alte Strukturen keine Geltung mehr haben und demnach nur auf Neues gebaut werden kann. Manchmal werden wir vom Leben gezwungen, neue Mittel und Wege zu finden, um nicht mehr leiden zu müssen. Grund genug, alle Register zu ziehen, um seine Potenziale zu entdecken und wach zu rütteln. Ohne Kreativität sind schwere Weg gar nicht gehbar. Erfindungsreichtum dient oft sogar dem Überleben.

Sich seine Innenwelt zugänglich machen

Mit Hilfe der Kunst ist es möglich, seine ganz persönlichen Heil- und Kraftbilder zu erstellen. Beim Zeichnen tauchen wir ab in unsere unbewussten Bewusstseinsbereiche und bringen damit Licht in die Dunkelheit. Wir lenken unsere Aufmerksamkeit von außen nach innen. Man kann auch sagen, wir Zeichnen das „Jenseits“, denn Kreativität ist jenseits des Verstandes zu finden und damit frei von Logik, Anhaftungen, Gesetzen, Vorschriften oder Regeln. Während kreativer Prozesse  nehmen wir die Welt  unserem Inneren mit den ganz persönlichen Gefühlen wahr, während die Welt im Außen unpersönlich ist. Eigentlich ist unsere ganze Außenwelt eine Metapher für unsere Innenwelt. Unsere innere Ausrichtung bestimmt, mit welchen Augen wir das Außen betrachten. Genaugenommen lässt uns das Außen erst zum Betrachter unseres inneren, persönlichen Selbstes werden. Ohne diese Trennung zwischen Innen und Außen könnten wir uns nicht wahrnehmen. Wer malt, kann sich sehen, wer schreibt, kann sich lesen.

Wahre Kraft kommt von innen

Alles, was mit Gestaltung zu tun hat, entspringt einem kreative Prozess, der nicht im Kopf stattfindet. Während der künstlerischen Tätigkeit kann man aus den üblichen quälenden Denkschleifen wenigstens mal für eine kurze Zeit aussteigen, sich entspannen und neue Kräfte tanken.

In Bildern kann belastenden Gefühle wie Angst, Wut, Schuld, Traurigkeit, Einsamkeit, Verzweiflung, Anspannung und Hoffnungslosigkeit Raum gegeben werden. Papier ist geduldig. Was über ein Ventil nach außen gebracht wird, schwelt nicht mehr im Inneren weiter. Der Druck findet Entlastung. Das Resultat ist Befreiung , wodurch sich die Seele wieder den  Selbstheilungskräften zuwenden kann. Ihre Energie wird nicht mehr für Regulierungszwecke benötigt bzw. verschwendet.